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27./28. 6 95 Frankfurt, Senckenberg-Museum
Praktische Erfahrungen mit einem umfassenden betrieblichen Umweltkonzept
Von: Dr. Bernhard Weßling
Geschäftsführender Gesellschafter der Zipperling Kessler & Co.
Initiator der "Querdenker"
"Kunststoffe - Entscheidung für die Zukunft unserer Gesellschaft"
das ist für viele Menschen sicher ein überraschendes Motto. Denn Kunststoffe gelten
im öffentlichen Ansehen ja nicht gerade als ökologisch besonders wertvoll.
Ich sehe das anders:
I.
Kunststoffe werden in einer ökologisch verantwortbaren Zukunft zweifellos eine
Schlüsselrolle spielen. In noch zu wenigen Unternehmen ist diese Vision bereits Programm.
Und zu wenig auch kommunizieren wir diese Vision in der Öffentlichkeit.
Zipperling Kessler mit Sitz in Ahrensburg in Norddeutschland ist einer der größten
unabhängigen Konzentrathersteller in Europa. Als mittelständisches Unternehmen
beschäftigen wir 250 Mitarbeiter. Jährlich verlassen ca. 25.000 Tonnen hochwertiger
Kunststoff-Konzentrate und technischer Compounds unser Werk - Farb- und
Additiv-Konzentrate, Flammschutz-Konzentrate, leitfähige Compounds und Polymerblends.
Kunststoffe sind keine natürlichen Werkstoffe, ebensowenig wie Stahl, Glas oder Papier.
Wie diese basieren sie aber auf natürlichen Rohstoffen, denn Erdöl ist ebenso ein
Naturprodukt wie Holz, Sand oder Erze. Aber Kunststoffe haben das größte Potential, der
natürlichen Umwelt zu ihrem Recht zu verhelfen. So sehe ich die Zukunftsaufgabe der
Kunststoff-Industrie. Und deshalb ist das Umweltkonzept bei uns Chefsache, und es ist
unser Unternehmensziel, Beiträge zum umweltverträglichen Wirtschaften zu leisten. Unser
Leitbild in der Gruppe der "Querdenker" ist der von der Brundtland-Kommission
geprägte Begriff "sustainable development". Unser Wirtschaften muß die
Lebensinteressen künftiger Generationen schützen. Und dazu können wir in der
Kunststoff-Industrie mit Technologie und Innovation entscheidend beitragen.
Dabei dürfen wir nicht vergessen: ökologisch akzeptable Werkstoffe und Verfahren allein
ergeben noch keine nachhaltige Wirtschaft. Werkstoffe und Verfahren müssen in eine
nachhaltige Lebensweise der Menschen eingebettet sein.
Nachhaltiges Wirtschaften muß gegen kulturell tief verwurzelte Denkweisen angelernt
werden. Aber wir können auch an Vertrautes anknüpfen. Marktwirtschaft und
Innovationsdenken haben ihre Wurzeln in der europäischen Aufklärung. Sie richtete sich
gegen Unmündigkeit und Unfreiheit im Feudalismus. Dagegen hat Kant seinen Wahlspruch
gesetzt: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Heute bedroht
die Umweltkrise unsere Mündigkeit und unsere Freiheit. Und wir Unternehmer,
Wissenschaftler und Marketing-Experten sind gefordert, die Aufklärung weiterzutragen. In
"Prinzip Verantwortung" hat der Philosoph Hans Jonas dafür den zentralen
Imperativ formuliert: "Handle so, daß die Folgen deines Tuns die Möglichkeit
künftigen menschlichen Lebens nicht zerstören; mache das Interesse der Natur und der
zukünftigen Generationen zu deinem eigenen."
Das heißt für mich: Kunststoffe produzieren, die neben den chemischen Komponenten
auch die ethischen Komponenten Vernunft und Verantwortung enthalten. Die neben ihren
Flammschutz- oder mechanischen Eigenschaften auch noch die Eigenschaft vernünftiger
Energie- und verantwortungsbewußter Umweltgüternutzung aufweisen.
Hier liegt heute die eigentliche Herausforderung von Innovation. Heute gilt: was
ökologisch richtig ist, muß ja nicht unbedingt ökonomisch falsch sein - bzw.: es wird
in der Zukunft ganz gewiß auch ökonomisch richtig sein.
II.
"Jute statt Plastik" - das war eine gekonnte Provokation der
Ökologiebewegung gegen unsere Branche. Heute könnten wir diesen Slogan umkehren und
popularisieren: "Plastik statt Jute!" Denn Kunststoffe leisten Beispielhaftes im
Umweltschutz: beim Energiesparen, beim Wasser- und Rohstoffverbrauch, bei der
Abfallvermeidung, nachwachsende Rohstoffe können - von Ausnahmen abgesehen - aufgrund
vielfältiger, auch ökologischer Probleme nicht die Werkstoffe der Nachhaltigkeit werden.
Als Beispiele für solche energie- und wassersparenden Kunststoffprodukte
seien u.a. genannt:
- Konzentrate für Wärmedämm-Produkte
- Konzentrate für PET (Flaschen und Folien, die als Ersatz für Glas und PVC
hervorragende Ökobilanz-Ergebnisse aufweisen)
- die Entwicklung einer Technologie zur Färbung von synthetischen Fasern ohne
Wasserverbrauch (Massefärbung); entscheidender Durchbruch für diese Technologie: die
absolute Dispersion von Pigmenten und Additiven
- eine Elektrode zur Sanierung von versalztem, durchfeuchtetem Mauerwerk mit
Elektro-Osmose
- Polyester-Recycling im neugegründeten Zweigwerk Trebbichau (Sachsen-Anhalt)
- aus Kunststoffen bestehende elektrisch leitfähige Elektroden, die in der sogenannten
Zink-Brom-Batterie Anwendung finden, einer extrem leistungsfähigen, umweltfreundlichen
und leichten Batterie für ein künftiges Elektroauto
- neuartiger Korrosionsschutz: Passivierung von Stahl durch Beschichtung mit einem
organischen Metall (das von Zipperling entwickelt wurde); einmal angenommen, daß wir mit
dieser neuen Technologie das Verzinken von Eisen oder die Herstellung von Zink-Opferanoden
für Schiffe ersetzen könnten, dann wären es kurioserweise neu entwickelte Kunststoffe,
die die bei der Zinkproduktion zwangsläufig anfallenden ökotoxikologisch bedenklichen
Kadmiummengen obsolet machen würden.
Diese Beispiele zeigen: Kunststoffe helfen, die Ressourcenproduktivität zu steigern
und eine Effizienzrevolution einzuleiten.
Kunststoffe sind die Werkstoffe mit der höchsten Gebrauchs- und Nutzenintensität und
mit der geringsten Belastung von Umweltressourcen und Naturgütern. Professor
Schmidt-Bleek hat die Frage des Umfangs der Ressourcen-Nutzung eines Produktes auf die
Formel "Material-Intensität pro Servieceeinheit" MIPS gebracht, und beleuchtet
damit den "ökologischen Rucksack" eines Produktes "von der Wiege bis zur
Bahre". Kunststoffe erweisen sich dabei als sehr sparsame MIPS-ler. Deshalb gehören
sie unbedingt zu einer Strategie der Langlebigkeit und Effizienzsteigerung in der
Wirtschaft. Die Kunststoff-Industrie wird sich zu einer der wichtigsten Säulen der
nachhaltigen Wirtschaft entwickeln. Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet am Ende eine neue
Kultur des Wirtschaftens; bedeutet eine neue Kultur des Zusammenlebens der Menschen
untereinander und ihres Zusammenlebens in und mit der Natur.
Und Kunststoffverarbeitung ist die Kunst, einen Beitrag zu dieser neuen Kultur zu
leisten - so wie andere Werkstoffe früher ganze Epochen gekennzeichnet haben, die
Steinzeit, die Bronzezeit, so wird die nachhaltige Wirtschaft die
"Kunststoff-Epoche" werden.
Polymerforschung und Kunststoff-Entwicklungen dürften heute nur ein Hauptziel haben:
effektive Beiträge zu nachhaltigerem Umgang mit der Natur.
III.
Dazu benötigen wir vor allem die "richtigen" Produkte, aber auch die
"richtigen" Produktionsverfahren.
Harte Kostenrechner haben die Internalisierung ökologische Kosten immer
zurückgewiesen. Sie befürchten einen Verlust der Wettbewerbsfähigkeit.
Auch das sehe ich anders:
- Wir können die Augen nicht davor verschließen, daß sich allein in Westdeutschland die
jährlichen Kosten der Umweltschäden auf über 600 Mrd DM summieren. Wir müssen den
Blick dafür schärfen, daß diese Kosten den Wirtschaftsstandort Deutschland, seine
Produktivität und unsere Unternehmen bald mehr belasten werden, als uns heute bewußt
ist.
- Die Internalisierung bisher externer ökologischer Kosten ist treibende Kraft im
Innovationswettbewerb. Wir können den Wettbewerb mit den neuen Konkurrenten in
Tschechien, in der Ukraine, in Polen oder im Baltikum nicht bei den Kosten gewinnen.
Gewinnen können wir nur mit Innovationen, nur mit neuen Produkten und mit besseren
Verfahren.
- Umweltschutzinvestitionen im Betrieb haben das Potential, beträchtliche Kostensenkungen
zu realisieren, ohne soziale Leistungen zu kürzen. So gesehen ist Umweltschutz im
Unternehmen eine Investition in die Motivation der eigenen Belegschaft und in die soziale
Stabilität unserer Gesellschaft.
In Ahrensburg haben wir neben der Umweltorientierung von F+E viel in neue Verfahren
investiert mit dem Ziel, den Energie- und Wasserverbrauch, Luftbelastungen und Abfälle zu
minimieren. In zweiter Linie schenken wir den Umweltgüterverbräuchen, vorrangig Energie,
Wasser, Luft, unsere Aufmerksamkeit und minimieren diese stetig. Nach mehrjähriger
konzeptioneller Vorbereitung wurden in den Jahren 1990 und 1991 große Investitionen
durchgeführt:
- Eigenstromerzeugnisse mit Abwärmenutzung (BHKW), 600 kW;
- Spitzenlastbegrenzung durch computergesteuerte Leistungsaufnahme
- Mitbegründung des ersten Windparks in den neuen Bundesländern (Rügen, Schwarbe); der
ZKC-Geschäftsführer hält Gesellschaftsanteile entsprechend einem Turm mit 330 kW und
ist Beiratsvorsitzender
- (damit werden im Jahresmittel ca. 750 kW von ca. 2000 kW Leistungsbedarf - das
entspricht fast 40 % des Stromverbrauchs - selbst und umweltfreundlich bereitgestellt;
dadurch wird der benötigte Primärenergiebedarf für die Zipperling-Produktion von fast
1.800 kWh pro Tonne auf weniger als 1.400 kWh/Tonne gesenkt)
- hierdurch sparten wir 1994 über 10 Mio kWh an Primärenergie gegenüber 1989 ein.
- aufwendige interne Umbaumaßnahmen zur Schließung des Kühlwasserkreislaufs
(freiwillige Aufgabe von 85 % des Bezugs von Grundwasser aus eigenem Tiefbrunnen)
- Kühlwassersystem im Zweigwerk vollständig auf Regenwasser basierend
- Entwicklung und Realisierung eines Biofilters (Abbaurate
ca. 80 %)
Trotz dieser an die 2 Mio DM umfassenden Investitionen wurden nicht nur erhebliche
Mengen an Primärenergie (ca. 25%) und Wasser (ca. 85%, im Zweigwerk 100%) eingespart,
sondern auch ökonomische Einsparung in Höhe von ca. 300 TDM jährlich realisiert.
IV.
Wir sind auf dem Weg in die Informations- und Kommunikationsgesellschaft - heißt es;
mit neuen Technologien und neuen Werten. Deshalb haben wir uns auch das "Lernziel
Kommunikation" gesteckt. Global denken und lokal handeln - dazu gehört auch
das Kommunizieren. Dazu zum Schluß ebenfalls meine praktischen Erfahrungen:
- Wir tun dies mit der "Kunststoff-Initiative Schleswig-Holstein", die ich
mitbegründet habe, einem Arbeitskreis von Kunststoff-Unternehmen auf Landesebene unter
Einschluß der IHKs, des Umweltministeriums, der Technologiestiftung und anderer
Organi-sationen und Behörden.
- Wir haben einen Windpark auf Rügen mit errichtet, als größter Gesellschafter bin ich
dort Vorsitzender des Beirates.
- Wir tun dies regional im Naturschutz, mit einem Biotopfonds, den wir jährlich mit 20 -
40 TDM ausstatten.
- Als geschäftsführender Gesellschafter von Zipperling und als Mitglied des NABU streite
ich in der Öffentlichkeit für mehr Naturschutz. Ich betreue eines der größten
Naturschutzgebiete im Hamburger Raum und verantworte den hiesigen Kranichschutz.
Diese Aktivitäten vermitteln wir ebenso wie unsere "Plastik"-Produktion
permanent in der Öffentlichkeit vermittelt, in der Presse, auf öffentlichen
Veranstaltungen. Das sagt mehr als 1000 Worte und teure Anzeigen-Imagekampagnen. Diese
Aktivitäten draußen motivieren auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter drinnen.
Zukunft heißt "Jugend".
"Kunststoffe - Entscheidung für die Zukunft unserer Gesellschaft" heißt
deshalb: ein Bündnis mit der Jugend eingehen. Dabei ist es unsere Aufgabe, mit der Jugend
über den Wert, die Güte und das Zukunftspotential von Kunststoffen überzeugend zu
streiten. Denn "Jute" oder Hanf werden unsere Umweltprobleme nicht lösen.
- Zum Bündnis mit der Jugend gehört für mich verstärkte Grundlagenforschung. Denn
nachhaltiges Wirtschaften braucht Basisinnovationen.
- Deshalb bilden wir kreative Facharbeiter und Ingenieure bei uns im Betrieb aus und
betreiben langfristig F+E.
- Dazu gehört für mich der persönliche Gedankenaustausch mit Schülerinnen und
Schülern in den Schulen, mit Studentinnen und Studenten in den Universitäten.
- Dazu gehört für mich auch der offene Dialog in der Kommunalpolitik.
An der hier vorgestellten Gesamtstrategie war anfänglich vieles für Zipperling
Neuland. Aber der Erfolg gab uns recht: In den letzten 14 Jahren sind wir von 70 auf 250
Mitarbeiter gewachsen. 1981 haben wir 9.000 t Schallplattenpreßmassen für einen
sterbenden Markt hergestellt. Heute fertigen wir 25.000 t modernster und ökologisch
vorbildlicher Konzentrate und Compounds. Keines der Produkte ist älter als 5 Jahre.
Trotz unserer unpopulären Produktion ("Plastik") und z.T. auch ernsthafter
Nachbarschaftsprobleme sind wir in der umweltpolitischen Diskussion in der Offensive.
Mancher Politiker hat das mir gegenüber schon bedauert. Meine Antwort war, daß ich sehr
einfach aus der Offensive zu verdrängen sei - man brauche mich in Sachen Umwelt- und
Naturschutz nur zu überholen, und das würde ich mir wünschen - wobei ich ja dann immer
noch im Rennen bliebe.
Schluß
Die Jugendforschung sagt uns: Jugendliche sind durchaus erfolgs- und
leistungsorientiert - wenn sie sinnvolle Ziele erkennt. Aber die Generation X sieht sich
auf der Verliererseite. Sie wirft ihren Eltern vor, für deren ökologische Sünden
büßen zu müssen. Uns steht ein ökologischer Generationenkonflikt (und ein ebenso
brisanter "Nord-Süd"-Konflikt) ins Haus, und die Erfahrung, die Shell mit Brent
Spar gemacht hat, ist nur ein kleiner Vorgeschmack darauf. Die Wirtschaft, unsere Branche,
muß sich diesen Konflikten offen und offensiv stellen. Für den großen Ökonomen Joseph
Schumpeter ist "jemand nur dann Unternehmer, wenn er `neue Kombinationen'
durchsetzt". Der Unternehmer müsse Innovationen durchsetzen, sonst sei er bald
keiner mehr. Unsere Chance ist die, die Kunststoffe, der Werkstoff mit dem höchsten
Innovations-Potential, als zentralen Werkstoff für eine nachhaltige Wirtschaft
durchzusetzen. Dies ist eine spannende und lohnende Aufgabe voller Wissenschaft und
Technik, die uns bei Zipperling fasziniert. Lassen Sie uns diese als Aufgabe der gesamten
Branche begreifen.
Wir könnten dabei Theodor Fontanes Devise folgen: "Am Mute hängt der
Erfolg." |