Zur Entwicklung des Polyanilins und des neuen Korrosionsschutzverfahrens

Die breite Öffentlichkeit kann dieses Ergebnis zunächst einmal nicht richtig "würdigen", ist es doch vielen schon schleierhaft, woraus Kunststoffe überhaupt bestehen - nun sollen sie auch noch metallisch sein? Dr. Weßling, geschäftsführender Gesellschafter von Zipperling Kessler & Co., Inhaber zahlreicher weltweiter Patente auf diesem Gebiet, versucht, die Zusammenhänge einfach zu erklären: "Die bisher bekannten Kunststoffe, Polyethylen, Polypropylen oder Polystyrol, die jeder als Verpackungsmittel, als Schaum für die Wärmedämmung, als Küchengerät, Stoßstange am Auto oder Telefongehäuse kennt, leiten den elektrischen Strom nicht. Sie sind Isolatoren und werden ja auch als Kabelummantelung eingesetzt. Wir haben nun andere Bausteine - nämlich nicht Ethylen oder Propylen, sondern "Anilin" - verwendet und eine vollkommen neuartige chemische Struktur geschaffen. Dieser neue Kunststoff leitet nun den elektrischen Strom (nicht ganz so gut wie Kupfer oder Eisen), verhält sich aber gegenüber Korrosion wie ein Edelmetall - etwa wie Silber."

Mit diesem Ergebnis ist Zipperling das erste Unternehmen weltweit, das mit der Forschung auf dem Gebiet der leitfähigen Polymere zu einem marktreifen Ergebnis gekommen ist. "Viele Großunternehmen wie BASF, Bayer, Hoechst, Allied, IBM oder auch die Japaner wie Mitsui u.a. haben wie wir seit etwa 1980 intensiv geforscht und haben seit ca. 1990 aufgegeben. Etwa 100 Hochschulinstitute, führend davon die in Philadelphia, Santa Barbara (Kalifornien) und Tokio, haben versucht, die chemischen und die Verarbeitungsprobleme zu lösen, die mit diesen neuen Stoffen verbunden sind. Wenn der Wettkampf nach 5-Jahres-Etappen abgerechnet würde, stünde es heute so:

- 1980 starteten wir als letzter und mit der kleinsten Mannschaft;

- 1985 hatten die anderen schon viele Runden gedreht, wir liefen auch schon, aber niemand merkte was von uns;

- 1990 hatten wir die Führung übernommen, die Medien hatten ihre Kameras aber immer noch auf die alten Stars gerichtet;

- 1995 sind wir als erste am ersten Etappenziel, nämlich "Markteinführung eines ersten Produktes", angelangt, die Konkurrenten haben aufgegeben oder sich verlaufen, die Medien richten ihre Kameras aber immer noch auf diese Läufer,"

schmunzelt Dr. Weßling. Nun komme es darauf an, diese Führungsposition zu verteidigen, obwohl Zipperling als mittelständisches Unternehmen nicht über die Kapitalkraft verfügt, mit der die Großen zurückschlagen könnten.

Zipperling arbeitet derzeit mit 6 Personen an diesem zukunftsträchtigen Projekt.

Das neue Korrosionsschutzverfahren funktioniert (vereinfacht) so: die Oberfläche des Eisens (oder eines anderen Metalls) wird durch die polyanilinhaltige Grundierung "veredelt", d.h., ein korrosiver Stoff braucht nun länger oder schafft es wie beim Edelmetall gar nicht mehr, die Eisenoberfläche anzugreifen. Zusätzlich baut die neue Grundierung zwischen sich und der Metalloberfläche eine dichte Oxidschicht auf, die den Zutritt der rostbildenden Stoffe verhindert.

Unabhängige Tests haben gezeigt, daß die Korrosionsgeschwindigkeit um den Faktor 5 bis 10, manchmal sogar 100 - 10.000, abnimmt. "Es bestehen durchaus Chancen - wenn wir noch einige praktische Probleme der Haftung zwischen Metall und Grundierung und Decklack lösen -, daß wir damit die Korrosion endgültig besiegt haben werden."

In zahlreichen praktischen Tests in Zusammenarbeit mit vielen Firmen werden die Anwendungsmöglichkeiten und -probleme erprobt. Hierbei werden Grundierungen auf neuwertigen Metalloberflächen erprobt (Handelsname: "CORRPASSIV"). Laufende Projekte sind z.B.

- Containerschiffbau (Ballastwassertanks)

- Kompostierwerk

- Gußeisen (Bänke, Fenster, Lampen, Zäune ...)

- Bootsbau

- Salzstreufahrzeuge (Winterdienst)

- Stahlbetonbau (Verschalungskonstruktionen)

uvam.

Heute noch verursacht Korrosion jährlich Schäden in Höhe von weit über 100 Mrd DM, 4 % des Bruttosozialproduktes. Diese finanziellen Schäden gehen einher mit ökologischen Schäden, denn jedes verrostete Produkt wird entweder neu lackiert oder muß sogar ersetzt werden. Und hierfür müssen in ganz erheblichem Maße Umweltgüter wie Rohstoffe, Wasser und vor allem Energie aufgewendet werden.

Dieses Forschungsergebnis ist ein weiteres Beispiel für die erfolgreiche Zipperling-Strategie, mit Innovationen - auch mit Basisinnovationen - Beiträge zur Entwicklung einer ökologisch nachhaltigen Wirtschaft zu leisten.
Zugleich - so hofft man - könnte es ein neues Beispiel für die Innovationsanreize, die von ökologischen Fragen ausgehen, werden und neue Arbeitsplätze schaffen - ein Schritt vielleicht in Richtung der Vision, ökologische und ökonomische Probleme mit ganz neuen Ansätzen parallel zu lösen.

(Dr. B. Weßling)



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