Das erste gemeinsam vom Verband der Kunststofferzeugenden Industrie (VKE,
Frankfurt) und den >Querdenkern für Kunststoff und Ökologie<(ahrensburg) veranstaltete Symposium war sowohl inhaltlich als auch von der Teilnehmerzahl ein großer Erfolg. Der zweitägige, intensiv geführte Dialog zum Thema>Kunststoff - Entscheidung für die
Zukunft unserer Gesellschaft Damit war es den Querdenkern gelungen, nach einer langen Zeit, die eher
durch Schuldzuweisungen und gegenseitiges Mißtrauen gekennzeichnet war,
einen konstruktiven Dialog in Gang zu setzen. Der ist angesichts der
beklemmenden Probleme unseres Planeten auch dringend erforderlich. Die
bisherige Auseinandersetzung um die Werkstoffe der Chemie, die fast
ausschließlich von der Recycling-Debatte beherrscht wurde, ist da sicher
der falsche Ansatz. So war auf der Tagung am Main auch weniger von der
Verwertung als vielmehr von der Verwendung, also vom Nutzen der Kunststoffe die
Rede, den sie aufgrund ihrer besonderen Materialeigenschaften in einer
nachhaltigen Wirtschaft haben werden. Gleich zu Beginn der Veranstaltung hatte Prof. Klaus Meyer-Abich von der
Gesamthochschule Kassel keinen Zweifel daran gelassen, daß wir
grundsätzlich etwas verändern müssen: "Unsere Wirtschaft ist
unwirtschaftlich. Die Schäden, die wir anrichten, übersteigen das,
was wir an Zuwächsen erzielen. Nicht die sogenannte Dritte Welt, sondern
wir sind die eigentlichen Entwicklungsländer." Diese Formulierung ist ohne
Zweifel provozierend - so war sie auch gemeint. Dennoch ist klar: Wenn die Menschheit auf Dauer eine Überlebenschance
haben will, müssen sich vor allem die Industrieländer zu einer
veränderten Lebensweise entschließen. Zu ihrer Umsetzung dient der
Entwurf vom >sustainable development<. Prof. Hans Mohr von der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg gab die Definition für diesen im Deutschen als nachhaltige Wirtschaft bezeichneten Veränderungsprozeß: "Als nachhaltig gilt eine Entwicklung dann, wenn sie mittel- und langfristig mit den ökologischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen verträglich ist." Das impliziert im Fall der nicht-erneuerbaren Ressourcen wie z.B. den fossilen Energieträgern, die begrenzten Vorräte so lange wie möglich zu strecken, im Fall der erneuerbaren Ressourcen wie Kulturlandschaft, Humanressourcen, Biomasse, Böden, Luft und Wasser den Verbrauch an der Erneuerungskapazität auszurichten. Die Hoffnung auf eine Ausweitung der Biomassen-Nutzung ist allerdings
trügerisch. Berechnungen der Akademie haben ergeben, daß von den
jährlich 120 Milliarden Tonnen Biomasse gerade einmal sechs Milliarden
Tonnen für uns verfügbar sind. Davon sind 5.8 Milliarden Tonnen
bereits an die Produktion von Holz, Getreide und andere Agrarprodukte für
die Ernährung gebunden. So ist klar, daß die nachwachsenden
Rohstoffe weder einen nennenswerten Beitrag zur Energie- noch zur
Rohstoffversorgung für den Werkstoffbereich leisten können. Wie der Weg zum sparsameren Umgang aussehen könnte, hat das Wuppertal
Institut für Klima, Umwelt, Energie vorgezeichnet. "Die Entwicklung einer
zukunftsfähigen Wirtschaft in den westlichen Industriestaaten setzt
voraus, daß Wohlstand und soziale Sicherung mit nur noch einem Zehntel
der Ressourcen geleistet wird im Vergleich zu heute. Darüber hinaus
muß eine grundlegende >Revision des Gebrauches Schmidt-Bleek hat ein Modell entwickelt, das jedem Rohstoff, Zwischen- oder
Endprodukt einen >ökologischen Rucksack Die ökologischen Rucksäcke von Werkstoffen variieren
außerordentlich, von unter zwei bis zu mehreren Hunderttausend.
Kunststoffe, die aus Fossilien und insbesondere aus Erdöl gewonnen werden,
haben dabei eine sehr günstige Ausgangsposition im Hinblick auf
Ressourcenproduktivität (die Menge an Nutzen oder Dienstleistung, die mit
einer gegebenen Menge an Energie und Material erzeugt wird) bei den von ihnen
geleisteten technischen Beiträgen zur Wohlstandsschaffung. Damit wird es
gerade für die Chemiematerialien möglich, einen wesentlichen Anteil
zur geforderten Dematerialisierung der Wirtschaft zu übernehmen. Trotz der zum Teil kontroversen Auffassungen gab es in dem Punkt eine breite
Übereinstimmung dahingehend, daß Kunststoffe eine zentrale Rolle in
einer zukünftigen nachhaltigen Wirtschaft spielen werden. So unterstrich
Jürgen Walter, Geschäftsführendes Mitglied des Hauptvorstandes
der IG Chemie: "Kunststoff ist einer der großen ökologischen
Problemlöser." Auch Jochen Flasbarth, Präsident des Naturschutzbundes
Deutschland (NABU), unterstützte diese These: "Nach unserer festen
Überzeugung wird gerade die Kunststoffindustrie von einem Umbau auf eine
nachhaltige Wirtschaft profitieren." Bei aller Zustimmung gab es aber auch Forderungen an die
Kunststoffindustrie, ihre Produkte weiter in Richtung >sustainable Vizepräsident Schmidt-Bleek nannte weitere Anforderungen an Forschung
und Industrie: "Die Suche nach neuen Katalysatoren zur gezielten und
ressourcenschonenden Kunststoffherstellung bzw. Umwandlung müßte
verstärkt betrieben, die chemische Vielfalt bei Massenprodukten reduziert
werden." Große Chancen sehen die Forscher in Wuppertal im Hinblick auf
den Einsatz von Kunststoffen als Sonden zur Optimierung technischer
Abläufe, zum Korrosionschutz, zur Leitfähigkeitserhöhung von
Oberflächen, zum Ersatz von Metallen und Halbleitern oder zur
Wärmedämmung. Insgesamt hat das Symposium den Meinungsaustausch wesentlich befruchtet.
Kunststoff-Unternehmer und Initiator der Querdenker, Dr. Bernhard
Weßling, sah sich in seinen Bemühungen bestätigt: "Wir haben
Fronten aufgebrochen und festgefahrene Vorurteile über Kunststoffe
revidieren können. In diesem Sinne war das Treffen in Frankfurt eine
ausgesprochen positive Fortsetzung unserer Arbeit." Friedrich Schmidt-Bleek fand eine Zusammenfassung der Frankfurter
Veranstaltung, die von allen Seiten bestätigt wurde: "Die chemische
Industrie hat die einmalige Chance, Werkstoffe neu zu schaffen, die selbst eine
geringe Materialintensität aufweisen und zum gezielten Ersatz heutiger -
ressourcenintensiver - technischer Lösungen zur Wohlstandsgestaltung
geeignet sind. Diese Chance zu nutzen, ist eine der großen Aufgaben der
Zukunft. Ihre Inangriffnahme kann ganz wesentlich zur Sicherung des Standortes
Deutschland beitragen." 04. Juli 1995 Mit freundlichen Grüßen
Klaus Jopp